Das Leben schreibt die tiefsten Schmerzen manchmal in den ungewöhnlichsten Farben. Während in unserer Gesellschaft Schwarz als die universelle Farbe der Trauer gilt, hüllte eine Frau in den Straßen von Konya ihren Schmerz, ihre Enttäuschung und ihre unerschütterliche Treue in ein leuchtendes Rot.
Sultan Özcan, die über Jahrzehnte hinweg ganz in Rot gekleidet und mit rot bemaltem Gesicht zum Wahrzeichen der türkischen Stadt Konya wurde, verstarb kürzlich im Juli 2026 im Alter von 74 Jahren. Doch das rote Erbe, das sie hinterlässt, wird so schnell nicht in Vergessenheit geraten. Hinter ihrer auffälligen Erscheinung verbirgt sich eine Geschichte von großer Liebe, bitterem Verrat und tiefer Einsamkeit.
Die Geschichte begann, als Sultan Özcan als junges Mädchen ihren Lehrer traf und sich unsterblich in ihn verliebte. Die beiden heirateten, und als ihr Ehemann später Kommissar wurde, zog das Paar berufsbedingt von Stadt zu Stadt.
Der Grund, warum Sultan Özcan begann, ausschließlich Rot zu tragen, liegt in ihrer Zeit in der Provinz Hakkari im Südosten der Türkei. Ihr Ehemann bemerkte dort ein hübsches Mädchen in einem roten Kleid und schwärmte für sie. Aus der tiefen Sorge heraus, ihr Mann könnte sich von ihr abwenden, kaufte Sultan Özcan sofort ein identisches Kleid:
„Ich wollte nicht, dass seine Augen nach anderen Frauen suchen. Damit er mich für immer liebt, kleidete ich mich von diesem Tag an nur noch in Rot.“
Trotz ihrer grenzenlosen Hingabe bröckelte die Ehe nach zwanzig Jahren, da das Paar kinderlos blieb. Sultan Özcan litt unter häuslicher Gewalt, bis sich ihr Ehemann schließlich von ihr scheiden ließ, in eine andere Stadt zog, erneut heiratete und einen Sohn bekam. Zu wissen, dass der Mann, den sie über alles geliebt hatte, nun mit einer anderen Frau genau das Familienglück fand, das ihr verwehrt blieb, brach Sultan Özcans Herz und ihre psychische Gesundheit.
Sie kehrte traumatisiert in ihr Elternhaus zurück und erhielt später eine medizinische Diagnose über eine schwere psychische Erkrankung. Nach dem Tod ihrer Mutter zog sie zu ihrem Bruder nach Konya, wo sie fortan in einem winzigen Nebengebäude lebte. Sie strich nicht nur ihre Wände rot, sondern färbte auch jedes Möbelstück, jedes Kleidungsstück und sogar ihr Gesicht rot.
Das Rot wurde für sie zu einem stillen Protest gegen eine ungerechte Welt, zu einem Akt der Treue gegenüber ihrer vergangenen Liebe und zu einem Schutzpanzer gegen die Realität.
Fast ein viertel Jahrhundert lang verließ Sultan Özcan jeden Morgen gegen 10 Uhr in ihrer roten Pracht das Haus. Sie stieg in den Stadtbus, fuhr ins Zentrum zum Kayalıpark, unterhielt sich mit den Ladenbesitzern und trank Wasser am Brunnen der Şerafettin-Moschee. Wenn man sie fragte, warum sie jeden Tag Bus fahre, antwortete sie stets mit einem warmen Lächeln: „Ich bin die Schaffnerin dieses Busses.“
Die Menschen in Konya schlossen die sanfte Frau tief in ihr Herz. Sultan Özcan, deren Leben mehrfach verfilmt und in Reportagen gezeigt wurde, hinterließ den Frauen trotz ihres eigenen Schmerzes stets einen klugen Rat:
„Frauen sollten sich nicht auf ignorante Männer einlassen. Eine Frau muss immer aus tiefer Liebe heiraten. Wie unsere Vorfahren schon sagten: Wer keine Liebe im Herzen trägt, dem fehlt auch der Glaube.“
Sultan Özcan zeigte der Welt auf ihre ganz eigene, stolze Weise, dass Trauer nicht immer schwarz sein muss – manchmal brennt sie in einem unübersehbaren, tiefen Rot.
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